00:02
ARD Sounds – Das Wissen Im Betriebsgebäude zwischen den großen, runden Becken der Kläranlage Dortmund-Deusen. Regelmäßig spritzt trübes Abwasser in einen milchig-weißen Plastikkanister, zeitgesteuert rund um die Uhr.
00:19
Aus den Proben-Nahmegeräten werden die Proben dann ins Labor gebracht und dort können wir dann die Proben direkt analysieren. auf SARS-CoV-2 momentan. Aber wir sind auch in der Lage, Multiresistenzen zu messen, dem Poliovirus, Noravirus oder auch Influenza. Alles, was der Mensch über Urin und Kot abscheidet, landet ja im Abwasser. Und sofern es stabil bleibt und sich nicht selber auf dem Weg zur Kläranlage abbaut, können wir es auch dann im Labor finden.
00:50
Viren, Drogen, Umweltgifte. Was das Abwasser über uns verrät. Von Dirk Asendorf.
00:58
Tests auf Drogen und Corona haben die Methode populär gemacht. Die Analyse von Abwasserproben gibt Aufschluss über menschliches Verhalten. Was wir essen, welchen Krankheiten und Schadstoffen wir ausgesetzt sind, welche Medikamente und Drogen wir konsumieren.
01:13
Die Schweiz ist dabei führend. In Deutschland kämpft das Abwassermonitoring um Anerkennung und Geld. Doch neue EU-Vorschriften fordern jetzt einen Regelbetrieb. Auch um neue Krankheitserreger, die über Flughäfen oder Bahnhöfe eingeschleppt werden, schnell zu erkennen.
01:33
Der Chemiker Jens Schoth arbeitet in der Forschungsabteilung der Emscher Genossenschaft, dem Betreiber der Dortmunder Kläranlage. Die Proben für die Abwasseranalyse lässt er direkt am Einlauf der Kläranlage nehmen. Dort sind die vom Menschen ausgeschiedenen Stoffe am besten zu finden. Gefährlich sind sie nicht.
01:51
Der Virus ist im Abwasser nicht mehr infektiös, sondern wir finden Virenrückstände und können dadurch Rückschlüsse darauf ziehen, wie die Entwicklung gerade in der Bevölkerung ist.
02:02
Wie das Abwasser in den Reinigungsstufen der Kläranlage weiter behandelt wird und wie Kläranlagen modernisiert werden müssten, ist ein anderes wichtiges Thema. Damit beschäftigen wir uns in das Wissen mit dem Titel Kläranlagen und Kanalnetz, wie unser Abwassersystem erneuert wird. Hier und jetzt schauen wir uns all die Gesundheits- und Umweltinformationen an, die im Abwasser versteckt sind.
02:28
Zwei Mal in der Woche wird der weiße Plastikkanister mit den Abwasserproben von einem Fahrer abgeholt und ins Labor gebracht. Das passiert nicht nur in Dortmund-Deusen, sondern bundesweit an 50 meist großen Kläranlagen. In jedem Bundesland werden damit mindestens 15 Prozent der Einwohner erfasst. Das sind über 12 Millionen Menschen. Keine andere Methode kann so zeitnah repräsentative Aussagen über Konsumgewohnheiten und Gesundheitszustand der deutschen Bevölkerung machen.
02:58
Doch das wurde erst während der Corona-Pandemie richtig erkannt, erklärt Jens Schoth.
03:02
Es geht nicht jeder zum Testzentrum, weil jeder auf die Toilette. Wir haben 2020 mit Eigenmitteln die Forschung gestartet, sowohl das Screening, also das Variantenabgleich gemacht, als auch die Viruslast. Und ja, wir haben in der SARS-CoV-2-Pandemie viel gelernt.
03:21
Es ist noch schwer, auf Hand von Abwasserdaten einen Lockdown zu machen. Dafür braucht man sicherlich Gesundheitsdaten. Aber nichtsdestotrotz ist Abwassermotor eine günstige Variante, einen Überblick über die Bevölkerung zu bekommen und dann vielleicht auch einzelne Testungen gezielt abzuleiten.
03:37
Im Abwasser zeichnet sich eine Epidemie schon ab, bevor die Erkrankten in Arztpraxen und Krankenhäusern auftauchen. Das ermöglicht eine vorausschauende Einsatzplanung, vom Personal bis zur Medikamentenbeschaffung. Nicht nur bei Corona. Auch Beginn, Verlauf und Ende der jährlichen Grippewelle zeigen sich im Abwasser. Und wenn sich mit dem Klimawandel Tropenkrankheiten wie Dengue, Chikungunya oder das Westnil-Virus Richtung Deutschland ausbreiten, dann finden sich die Erreger schon im Abwasser, bevor die ersten Krankheitsfälle diagnostiziert werden.
04:11
Und schließlich liefert das Abwasser auch Informationen über die Bevölkerung, die sie von sich aus wohl gar nicht preisgeben würde. Medikamentenmissbrauch und Drogenkonsum.
04:22
Guten Abend, meine Damen und Herren. Ich begrüße Sie zur Tagesschau. Der Bundestag hat heute nach kontroverser Debatte beschlossen, Cannabis teilweise zu legalisieren.
04:32
23. Februar 2024. Die ARD-Tagesschau berichtet über das neue Cannabis-Gesetz.
04:40
Eigentlich sollte es unbefristet gelten. Doch dann hatte die neue schwarz-rote Bundesregierung eine Überprüfung im Herbst 2025 beschlossen. Ausführlich haben wir darüber in der Das Wissen-Folge berichtet, Cannabis-Gesetz auf dem Prüfstand. Welche Folgen hat die Teillegalisierung?
04:57
Zentrale Frage dabei war, wie hat sich seit Inkrafttreten des Gesetzes der Konsum verändert? Björn Helm hatte die Antwort. Der Hydrologe ist an der TU Dresden für das Projekt Amokan zuständig. Im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums hatte er Daten aus dem Abwassermonitoring zusammengetragen und aufbereitet. Das Ergebnis?
05:19
Es ist kein sehr einheitliches Bild, was wir sehen. Wir führen die Untersuchungen an knapp 20 Standorten im Moment in Deutschland durch. Und es gibt Standorte, da sehen wir einen Anstieg. Es gibt aber auch Standorte, da sehen wir keine Veränderung oder sogar einen leichten Rückgang.
05:33
Die Untersuchung erfasst das Abwasser von 15 Millionen Menschen. Und die 20 beprobten Klärwerke wurden so ausgewählt, dass sowohl Groß- und Kleinstädte als auch der ländliche Raum erfasst werden. Damit sind die Ergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Anlass für aufgeregte Debatten liefern sie nicht.
06:01
Das ist aber auch so, dass wir in anderen europäischen Ländern, wo keine Cannabis-Legalisierung stattgefunden hat, auch so leichte Zunahmen oder leichte Abnahmen sehen. Das hängt immer mit der Marktdynamik auch zusammen. Ich würde sagen, der Zwischenstand ist, dass man jetzt noch keine signifikante Veränderung, die das Cannabis-Gesetz ausgelöst hat, sehen kann.
06:22
Der Vergleich mit anderen Ländern ist möglich, weil die Drogenagentur der EU schon seit 2011 Abwasserproben aus über 20 Ländern auf Drogenrückstände untersuchen lässt. Die TU Dresden koordiniert den deutschen Beitrag zu diesem SCORE genannten Projekt.
06:38
Wir schauen auch Nikotin an, was ja auch einen Zusammenhang zum Cannabis haben könnte, weil ja Cannabis vor allem geraucht wird.
06:47
Und zusätzlich noch Kokain, Amphetamin, Crystal Meth und Ecstasy und Ketamin.
06:55
Einen Zusammenhang zwischen dem Konsum illegaler Drogen und der Teillegalisierung von Cannabis hat sich in den Abwasserproben nicht gezeigt.
07:03
Wohl aber ein anderer Trend. Was wir unabhängig von dieser Cannabis-Thematik sehen, deutschlandweit ist in den letzten Jahren ein ziemlicher Anstieg beim Kokain-Konsum. Das ist aber ein Trend, der sich schon eigentlich seit Anfang der 20er Jahre ziemlich verstärkt hat.
07:18
Auch die Partydroge Ketamin findet sich seit einigen Jahren häufiger in den Abwasserproben. Sie geben sogar darüber Aufschluss, welche Droge in welcher deutschen Region gerade besonders populär ist.
07:30
Da, wo in den Nachbarländern viel von einer bestimmten Substanz konsumiert wird, dann ist sozusagen die angrenzende Region in Deutschland da auch viel. Es bietet eher an den westlichen und nördlichen Grenzen. Und das sehen wir halt dann auch im Benelux und in Skandinavien, dass da viel Speed konsumiert wird. Und beim Crystal halt mit Tschechien, Slowakei, da sind wir eben in gerade Sachsen, Thüringen und eben Teile von Bayern sehen wir da einen erhöhten Konsum. Das sind so diese... regionalen Muster, den wir ganz gut sehen.
07:59
Auch außereuropäische Länder liefern dem Score-Projekt der EU Daten aus ihren Abwasseruntersuchungen zu. Und das schon seit Jahren. Im langfristigen Vergleich findet sich Deutschland im oberen Bereich.
08:11
Deutschland ist schon ein Land, wo viel konsumiert wird. Beim Crystal sind wir so mit Spitzenreiter, zumindest europaweit. Aber das ist zum Beispiel auch in den USA und in Australien nochmal ganz anders ein Thema.
08:24
Beim Kokain arbeiten wir uns so langsam nach vorn. Und beim Amphetamin sind es auch so einzelne Standorte, die so sehr hohe Werte haben. Das Saarland da die ganzen Jahre schon. Und letztes Jahr haben wir Mecklenburg-Vorpommern nochmal untersucht. Da waren auch die Speedwerte auch im ländlichen Raum sehr hoch.
08:41
Das vor allem in Mexiko synthetisch hergestellte Opioid Fentanyl hat es dagegen bisher noch nicht im größeren Umfang nach Deutschland geschafft.
08:49
Seit zwei, drei Jahren, da gab es ja diese Welle in den USA und man wartet eigentlich jetzt die ganze Zeit drauf, dass die zu uns rüberschwappt.
08:58
Fentanyl ist eine Substanz, die in relativ geringen Dosen eingenommen wird und Gott sei Dank noch nicht von so vielen Leuten. Deswegen haben wir da bisher keine positiven Nachweise gesehen bei uns.
09:08
Das bedeutet nicht, dass in Deutschland noch niemand Fentanyl konsumiert. Die Laborgeräte für die Abwasseranalyse haben nämlich eine Nachweisgrenze. Beim Fentanyl kann die TU Dresden deshalb kleinere Mengen bisher gar nicht finden.
09:22
Wir arbeiten hier mit...
09:28
Besonders gute und auch teure Laborgeräte stehen dem Umweltbundesamt zur Verfügung. In Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut ist es im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums für die Suche nach Krankheitserregern im Abwasser zuständig.
09:45
Dann kann man das hier noch einstellen, je nachdem wie stark dieses Vakuum ist.
09:49
Markus Lukas leitet das Biologielabor des Umweltbundesamts in Berlin-Marienfelde. Zweimal in der Woche nimmt er hier die milchig-weißen Plastikkanister aus vier Kläranlagen in Empfang.
10:00
Wenn die Abwasserprobe im Labor ankommt, dann hat man so ein paar Standardparameter, die man analysiert. Die Viren mögen es nicht sehr kalt, aber auch nicht sehr warm. Deshalb ist Temperatur während des Transports immer eine Frage. Dann messen wir einen pH-Wert, weil auch das immer eine gute Aussage darüber liefert, wie gut sind die Proben noch. Das passiert hier in diesem Raum. Hier kann man so ein bisschen rumsauen, sage ich mal in Anführungsstrichen. Und im Raum nebenan läuft die eigentliche PCR, sprich die eigentliche Analyse, auf unsere Zielgene, die wir messen wollen.
10:30
Das PCR-Gerät sieht unscheinbar aus, so ähnlich wie ein kleines Kopiergerät. Doch hier werden keine Akten vervielfältigt, sondern Bruchstücke von Viren.
10:39
PCR ist die Polymerase-Kettenreaktion. Wir haben in dem Abwasser ein Zielgen, zum Beispiel von SARS-CoV-2. Das können wir aber so nicht messen, weil da ist eventuell nur ein oder zehn oder zwanzig Mal dieser Abschnitt drin. Und was die Polymerase-Kettenreaktion macht, ist, sie schnappt sich diesen Schnipsel und vervielfacht den. Und zwar so oft, bis wir ihn messen können.
11:01
So ein PCR-Gerät kostet mehrere hunderttausend Euro. Dafür führt es die komplexe Untersuchung weitgehend automatisch durch.
11:09
Die Dinger spucken natürlich unendlich an Informationen aus. Die werden dann nochmal umgerechnet, weil wir ja von der Gesamtprobe nur einen Teil nehmen. Dann wird gerechnet, wie stark ist die Anreicherung etc. Und der finale Wert, der wird dann eingetragen und sein RKI übermittelt.
11:22
Und zwar nicht per Fax, sondern über eine Datenbank, auf die das Bundesinstitut jederzeit zugreifen kann. Von der Anlieferung der Abwasserprobe bis zur Übertragung der Analyseergebnisse vergehen vier bis sechs Stunden.
11:36
Schneller ist immer cooler.
11:37
Sagt Alexander Schatzschneider, der im Robert-Koch-Institut für das Abwassermonitoring zuständig ist.
11:43
Also wenn wir jetzt rein epidemiologisch argumentieren, ist natürlich das Optimum, wir nehmen jeden Tag eine Probe, wir analysieren die jeden Tag und wir ballern den Datenpunkt aufs Dashboard, sodass wir dann einen tollen Verlauf sehen. Das ist für uns natürlich das Optimum, weil mehr Daten ergibt bessere Kurve. Die Frage ist aber natürlich immer, wie viel besser ist die Kurve im Vergleich zu dem Aufwand, den wir dann betreiben wollen.
12:06
Bisher finden alle Abwasseruntersuchungen in Deutschland im Rahmen von befristeten Forschungsprojekten statt, die ihr Budget alle ein bis zwei Jahre neu beantragen müssen. Für die Kooperation von Umweltbundesamt und RKI, kurz AMELAC genannt, standen 2025 zum Teil nur noch Sachmittel zur Verfügung. Die Personalkosten mussten die beiden Partner aus Eigenmitteln bestreiten.
12:30
Statt der 170 Kläranlagen, an denen zu Hochzeiten der Corona-Pandemie Proben genommen wurden, sind es jetzt nur noch 75. Der Plan, in diesem Abwasser neben SARS-CoV-2, Influenza und der Atemwegserkrankung RSV auch nach weiteren Krankheitserregern zu suchen, kann deshalb nur testweise umgesetzt werden.
12:51
Wir erproben im Hintergrund gerade Analysen auf Vesnilvirus und Mpox. Das machen wir erstmal bei uns im stillen Kämmerlein, um überhaupt zu gucken, wie gut funktioniert das und sind die Methoden brauchbar und so weiter und so fort. Aber das ist so das Nächste, was wir ins Auge gefasst haben.
13:10
Für Polio gibt es seit einigen Jahren ein eigenes Forschungsprojekt. Das Virus, das schwere und dauerhafte Lähmungen auslösen kann, galt 2002 in Europa bereits als ausgelöscht. Doch 2025 hat das RKI im Abwasser von vier Kläranlagen Polioviren entdeckt.
13:28
Bis dahin war das neu. Also eigentlich sollte das auch gar nicht vorkommen. Automatisch gehen bei den ExpertInnen vor Ort dann die Alarmglocken an.
13:37
Ob die Funde auf Menschen zurückgehen, die aus dem Ausland eingereist sind oder sich in Deutschland angesteckt haben, ist noch unklar. Doch auch diese Frage könnte womöglich mit Abwasseruntersuchungen geklärt werden.
13:54
Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie richtete sich das Interesse der Epidemiologen schnell auf die Flughäfen. Dort, so die Idee, müssten sich importierte neue Varianten des Atemwegs-Virus am ehesten finden lassen. Mit Testzentren, aber auch mit der Untersuchung des Abwassers aus den gelandeten Flugzeugen. Gesagt, getan, dachten sich die Umweltingenieurin Susanne Lackner und ihre Kollegen vom IWA-Institut der TU Darmstadt.
14:22
Anfang 2021 begannen sie im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der Probenahme.
14:28
Meistens waren das tatsächlich Mischungen aus mehreren Flugzeugen. Der LKW fährt halt rum und entleert zwischen zwei, drei bis auch mal acht oder neun Flugzeuge, wo man auch dann die Infos bekommen kann, welche Flieger das waren. An einzelne Flüge dranzukommen geht auch, ist aber deutlich aufwendiger, weil sie dann das Fahrzeug extra zu einem Flugzeug schicken müssen und auch vorher sauber machen und so weiter.
14:52
Der Aufwand ist gar nicht nötig, stellte die Umweltingenieurin im Verlauf des Projekts fest. Denn sie erfuhr, dass auch das Abwasser aus den Frankfurter Flughafenterminals getrennt gesammelt wird.
15:03
Auch da haben wir dann Proben genommen vor der Kläranlage. Somit hatten wir eigentlich die schöne Situation, dass wir das vergleichen konnten. Direkt aus den Flugzeugtoiletten und Kanal vom Terminal. Dann haben wir eigentlich gesehen, dass das Terminalabwasser mit das bestgeeignetste ist. Wenn sich neue Varianten entwickeln, dann sieht man die tendenziell in diesen Terminalproben tatsächlich als erstes. Wirklich auch zuverlässig. In den Flugzeugtoiletten sieht man die schon auch, wenn man jetzt den richtigen Flieger hat.
15:30
Da ist es aber einfach von der Qualität ein bisschen herausfordernder und da sind die Terminalproben einfach einfacher zum Handeln und die Qualität ist einfach besser.
15:39
Den Flugzeugtoiletten werden nämlich Chemikalien zugesetzt, die Virenreste zersetzen können. Außerdem sammelt sich dort vor allem Urin. Doch die Viren werden eher mit dem Kot ausgeschieden. Den hinterlassen Fluggäste häufiger im Terminal als im Flieger. Und noch zwei weitere Gründe sprechen dagegen, das Abwasser einzelner Flugzeuge zu testen.
16:00
Erstens müssen sie dann ja, bevor die Passagiere dann den Flughafen verlassen wollen, ja auch, an das Abwasser drankommen, das analysiert haben und ein Ergebnis haben. Und mal angenommen, sie finden dann was, dann müssen sie ja doch alle Leute irgendwie auch durchtesten, um dann den oder diejenige zu finden, der es jetzt hat. Und dann kann man sich natürlich auch fragen, wieso teste ich da nicht direkt die Leute?
16:23
Ende 2024 ist das Forschungsprojekt am Flughafen ausgelaufen. Das Terminalabwasser wird jetzt nur noch zusammen mit dem normalen Frankfurter Abwasser im Rahmen des Amelag-Projekts untersucht. Susanne Lackner hätte es sich anders gewünscht.
16:37
Wir sind definitiv an dem Punkt, dass wir das im Regelbetrieb umsetzen können, wenn das gewollt ist und wenn es finanziert wird. Also ich fände es gut, wenn wir jetzt in Deutschland nicht jetzt sagen, naja, jetzt haben wir ja keine Pandemie mehr und das ist ja wieder alles gut und dann verschwindet das in irgendeiner Schublade, sondern dass wir so ein gewisses Monitoring haben und dass man das hoch oder runter fahren kann, je nach Bedarf und auch nicht das abhängig macht wieder von jedem Haushalt und dann immer wieder dann warten muss, okay, können wir weitermessen oder nicht.
17:08
Wenn wir da aber über Jahre jetzt Daten erheben, auch Richtung Antibiotika-Resistenzen oder diese ganzen tropischen Erreger, die bei uns ja leider sich ja auch wahrscheinlich auch mit dem Klimawandel ausbreiten werden, dann haben wir da einfach ganz andere Möglichkeiten, was die Datenlage angeht, das auch zu bewerten dann in Zukunft.
17:27
Tatsächlich stehen die Chancen gut, dass das Abwassermonitoring bald den Sprung in einen öffentlich finanzierten Regelbetrieb schafft. Denn genau das verlangt die neue Europäische Kommunalabwasserrichtlinie, kurz CARL, die bis Mitte 2027 in ein nationales Gesetz münden muss. Ausdrücklich verlangt CARL die Abwasseruntersuchung in sogenannten Super Sites. Gemeint sind nicht nur Flughäfen, sondern auch große Bahnhöfe, Krankenhäuser und andere stark frequentierte Orte.
17:58
Zürich Hauptbahnhof ihre nächsten Verbindungen.
18:01
Deutlich weiter ist das Nicht-EU-Mitglied Schweiz. Dort organisiert das Zürcher Forschungsinstitut EAWAG das Abwassermonitoring im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit. Christoph Orth leitet die zuständige Abteilung.
18:16
Da untersuchen wir routinemässig SARS-CoV-2, Influenza A, Influenza B und RSV und auch Antibiotika-Resistenzen.
18:25
Und daneben gibt es natürlich noch eine ganze Reihe von Krankheitserregern, wo wir Methoden entwickelt haben, die wir dann bei Bedarf anwenden könnten. Zum Beispiel Affenpocken, Mpox, Masern, Mumps und Röteln, RSV, A und B und dann saisonale Coronaviren, Vogelgrippe, H5N1. Da ist die Liste ziemlich lang auch schon.
18:47
Nicht nur auf Krankheitserreger, auch auf viele Substanzen wird das Schweizer Abwasser bereits im Regelbetrieb untersucht.
18:54
Eine ganze breite Palette von Medikamenten. Beispiele sind Antibiotika, Antihistamine, Antidepressiva, Antiepileptika, Stimulantien. Die Liste ist lang Beruhigungsmittel, Anästhetika und auch Alkohol und Tabak. Die illegalen Drogen. Amphetamin, Methamphetamin, Kokain, MDMA, Cannabis, Ketamin und Fentanyl. Das machen wir mit diesem Regelbetrieb systematisch und durchgehend seit Februar 2021 mit einer variablen Anzahl Kläranlagen und heute und in absehbarer Zukunft sind es 10 Kläranlagen, die rund 20% der Schweizer Bevölkerung abdecken.
19:31
Der Regelbetrieb garantiert die langjährige Aufrechterhaltung der Messungen. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, in den langen Zeitreihen nach überraschenden Zusammenhängen zwischen verschiedenen Stoffen und Krankheitserregern zu fahnden. Christoph Ort nennt zwei Beispiele.
19:46
Das erste sind Antihistamine, also das wir nehmen gegen Heuschnupfen und andere Allergien. Wir konnten zeigen, dass der erhöhte Konsum von Antihistaminen und damit erhöhte Antihistaminwerte im Abwasser oft mit erhöhten Konzentrationen von allergieauslösenden Pollen in der Luft zusammenfallen. Aber es gab eben auch Perioden, wo fast keine allergieauslösenden Pollen in der Luft waren, aber trotzdem erhöhter Antihistaminkonsum mit erhöhten Antihistaminwerten im Wasser beobachtet wurden. Das ist ein Indiz dafür, dass es noch andere Träger gibt, zum Beispiel Pollen, von denen bis dahin nicht bekannt war, dass sie Allergien auslösen oder andere Träger.
20:25
Und das zweite Beispiel? Hustensirup oder andere rezeptfreie Medikamente, die gegen Erkältungs- und Grippesymptome genommen werden. Auch hier gab es Perioden mit erhöhtem Konsum ohne erhöhte Abwasserwerte oder Fallzahl. Und die sind dann eben ein Hinweis, dass etwas anderes zirkuliert in der Bevölkerung und dass die Bevölkerung Medikamente für die Bekämpfung der Symptome nimmt. Und dann kann man dem spezifisch nachgehen.
20:50
Bestimmte Stoffe kann die Schweizer EAWAG inzwischen auch mit einem mobilen Labor analysieren, zum Beispiel bei einem Festival.
20:58
Da kann man quasi in Echtzeit von den Medikamenten und Drogen alle 30 Minuten sich einen Wert aufs Handy schicken lassen oder dann sieht man die Zeitreihe, wie sich das im Tagesverlauf entwickelt. Das gibt schon auch sehr spannende Einblicke.
21:12
Der Labornachweis von Krankheitserregern ist deutlich komplizierter. Zwar haben erste Medizintechnikhersteller auch dafür bereits sogenannte Labs on a Chip im Angebot. Doch das Versprechen, Virenreste damit quasi in Echtzeit im Abwasser messen zu können, haben sich in der Praxis bisher nicht erfüllt, sagt Christoph Orth.
21:32
Da haben wir einfach festgestellt, dass die Datenqualität und die Sensitivität mit all diesen Methoden noch nicht mit dem vergleichbar ist, was wir quasi von Hand machen können. Und da wir mit der Datenqualität keine Abstriche machen möchten, haben wir gesagt, wir machen lieber ein paar Kläranlagen oder ein paar Proben weniger. Dafür haben wir diese gute Datenqualität.
21:54
Abwasseranalysen haben den großen Vorteil, dass sich mit vergleichsweise geringem Aufwand zuverlässige Informationen über eine große Zahl von Menschen gewinnen lassen. Abwasserproben spiegeln aber auch Konsumgewohnheiten und Gesundheitszustand kleiner Gruppen wieder, sogar sehr kleiner.
22:16
Den allerersten Eindruck sieht das Klo aus wie ein Klo. Doch dann fällt das Kabel auf, das die Toilette mit einer Steckdose verbindet. Und neben dem Sitz der bunte Touchscreen.
22:26
Tomoko Takeyama erklärt, wofür er da ist. Mit dieser Toilette kann man die Menge und Zusammensetzung des Urins messen. Und hier muss man den Namen der jeweiligen Person eingeben. Jetzt muss ich noch hier auf den Startknopf drücken und schon beginnt die Toilette mit der Analyse.
22:51
Schon vor über zehn Jahren hat der japanische Sanitärkonzern Toto dieses Hightech-Klo in seinem edlen Tokyota-Showroom vorgestellt. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe weiterer Anbieter. Für die technischen Erläuterungen geht Tomoko Takeyama in die Hocke.
23:13
Die Wassermenge steigt, wenn man pinkelt. So kann der Sensor die Urinmenge messen und in Milliliter angeben. Hinter dem Klo versteckt ist das Analysegerät. Mit dieser Toilette können Ärzte und Krankenpfleger, aber auch alte oder kranke Menschen selbst leicht umgehen. Das Mitsui Memorial Hospital hat solch eine Toilette bereits in Betrieb. Sie sind sehr zufrieden damit.
23:44
Es dauert keine 20 Sekunden, da spuckt der Toilettencomputer das Analyseergebnis aus. Vom eingebauten Laserdrucker fein säuberlich in Zahlenkolonnen aufgelistet und mit einer übersichtlichen Grafik versehen. Von der Temperatur über den pH-Wert bis zum Zuckergehalt.
24:02
Auch der Code kann inzwischen automatisch auf Biomarker für Darm-, Blasen- oder Prostatakrebs untersucht werden. Und registrierte Toilettennutzer werden anhand der Form ihres nackten Pos identifiziert. Die Messwerte landen dann per Internet direkt bei Ihrem behandelnden Arzt.
24:23
So eine smarte Toilette kann für Kontrolle und Früherkennung von Krankheiten nützlich sein. Sie kann aber auch zu massiven Datenschutzproblemen führen. Geraten die Messwerte in falsche Hände, könnten einzelne Toilettennutzer damit diskriminiert oder erpresst werden. Aber auch ganze Gruppen von Menschen könnten mit dem Ergebnis einer Abwasseruntersuchung unter Generalverdacht geraten. Zum Beispiel die Bewohner eines Flüchtlingsheims.
24:48
Schon vor 25 Jahren machte ein Bericht des TV-Senders Sat.1 Schlagzeilen. In 22 von 28 Toiletten des Berliner Reichstagsgebäudes seien Spuren von Kokain gefunden worden. Ob es sich bei den Koksern um Abgeordnete, deren Mitarbeiter oder zum Beispiel externe Handwerker handelte, darüber geben die Kokainspuren natürlich keine Auskunft.
25:11
Den Abwasserexperten der TU Dresden ist bewusst, dass sie es mit heiklen Daten zu tun haben. Bevor sie einen externen Untersuchungsauftrag annehmen, konsultieren sie deshalb die Mitglieder einer Ethikkommission.
25:24
Und die bewerten, welche Anonymisierungsauflagen dafür notwendig sind. Es gibt da nicht so den ganz klaren Cut, dass man sagt, bei weniger als 100 Personen, die man untersucht, sondern es wird dann immer nach der konkreten Konfiguration bewertet. Das sollte man nicht aus eigenem Bauchgefühl heraus entscheiden,
25:40
Björn Helm hat Anfragen auch schon abgelehnt, zum Beispiel als eine Boulevardzeitung ein Ranking der beliebtesten Drogen in Dresden veröffentlichen wollte. Einen anderen Auftrag hat er aber angenommen. Ein Industrieunternehmen mit Dreischichtbetrieb wollte wissen, wie es um den nächtlichen Drogenkonsum seiner gut 2000 Angestellten bestellt ist.
26:00
Da habe ich jetzt gerade ganz frisch die Ergebnisse reingekriegt, aber das ist so eine Untersuchung, die ist dann vertraulich. Die wollten einfach für sich wissen, wie es so aussieht. Tatsächlich ist da auch so dieses Crystal bzw. Speed ein Thema, dass die Leute die Nachtschicht einfach durchhalten. Also ich denke, das kann ich sagen, ja, wir haben was gefunden, auch nicht so wenig.
26:18
Zur Veröffentlichung sind diese Ergebnisse nicht gedacht. Und auch Funde, die in den staatlich finanzierten Abwasseruntersuchungen auftauchen, werden nicht in jedem Fall breit publiziert. Susanne Lackner denkt dabei vor allem an erstmals neu aufgetauchte Tropenkrankheiten.
26:35
Die nächsten Jahre sehe ich das jetzt eher noch für die Fachwelt, weil man muss ja die Leute ja auch nicht panisch machen, wenn man da in irgendeinem Abwasser irgendwas findet. Deswegen werden ja jetzt nicht sofort die Leute krank.
26:46
Doch die Abwassermessungen, die das RKI, die Schweizer EAVAC oder die EU-Drogenbehörde im Internet publizieren, stoßen auch nach dem Ende der Corona-Pandemie nicht nur bei Fachleuten auf Interesse. Das merkt Christoph Ort, wenn sich die Veröffentlichung einmal aus technischen Gründen etwas verzögert.
27:04
Dann erhalten wir oft E-Mails von Risikopatientinnen, die besorgt fragen, ob das Abwassermonitoring eingestellt wurde, denn viele von ihnen machen ihre persönliche Risikoabschätzung, ob sie ins Büro gehen oder Homeoffice, ob sie Freunde im Restaurant treffen oder doch besser zu Hause bleiben, ob sie eine Maske tragen, ja oder nein. Das machen sie oft basierend auf Abwasserzahlen.
27:24
Die Methode hat ihren Nutzen bewiesen, für Forschung und Gesundheitsbehörden ebenso wie für Unternehmen und einzelne Menschen. Doch je einfacher, schneller und lokaler die Messungen durchgeführt werden können, desto größer die Gefahr, dass die Ergebnisse missbraucht werden. Beides, der Nutzen und die nötigen Beschränkungen, müssen jetzt in das Gesetz einfließen, mit dem das Abwassermonitoring spätestens 2027 zum Regelbetrieb wird.
27:51
Das Wissen
27:55
Viren, Drogen, Umweltgifte. Was das Abwasser über uns verrät. Autor und Sprecher Dirk Asendorf. Redaktion Charlotte Grieser. Ein aktualisierter Beitrag aus dem Jahr 2025.
28:08
Und hier nochmal die Titel der zwei Folgen von Das Wissen, die ich erwähnt habe. Kläranlagen und Kanalnetz. Wie unser Abwassersystem erneuert wird. Und Cannabis-Gesetz auf dem Prüfstand. Welche Folgen hat die Teillegalisierung? Außerdem haben wir uns in mehreren Folgen mit Kokain und Ketamin beschäftigt. In ARD Sounds und auf allen Podcast-Plattformen.
28:32
Das Wissen vom SWR. Links zu weiteren Informationen stehen in den Shownotes zu dieser Folge.