00:05
Juli 1905. Normalerweise sind die Nächte pechschwarz in Plagwitz, einem kleinen Dorf in Schlesien. Nur einige, wenige Laternen beleuchten die Straßen. Elektrisches Licht in allen Häusern, das gibt es nur in der Großstadt.
00:21
Aber heute Nacht ist der Himmel über Plagwitz hell erleuchtet. Der rote Schimmer über dem Dorf ist kilometerweit zu sehen und zu riechen. Wie eine riesige Fackel steht die alte Holzmühle in der Landschaft, bis zu den Flügelspitzen in lodernde Flammen gehüllt.
00:37
Zum Löschen ist es längst zu spät. Die Dorfbewohner können nur noch dabei zusehen, wie sich die Mühle vor ihren Augen in Asche verwandelt.
00:46
Am nächsten Morgen ist der Spuk vorbei. Leise zischt die Glut im ersten Licht des Tages. Und da erst entdecken sie ihn. In den schwarzen Trümmern liegt die verkohlte Leiche des Müllers Knappe.
00:58
Was für ein tragischer Unfall. Oder war es Mord?
01:09
Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin mit Crime History. Historische Verbrechen aus Berlin und Brandenburg.
01:25
Willkommen bei Crime History. Du bist Florian Prokop, soweit ich weiß.
01:28
Und du bist Jana Falkenstein. Und heute nehmen wir euch mit ins Preußen des sehr frühen 20. Jahrhunderts. In einer Zeit, in der gab es noch keine Fingerabdruckdatenbanken. Noch nicht, aber wir sind kurz davor. Fingerabdrücke werden in dieser Folge noch wichtig.
01:44
Es ist ein Fall, bei dem ein Mann zum Phantom wird, indem er die Polizei über Jahre an der Nase herumführt. Und, was wirklich ganz besonders ist, den Hinweis auf diesen Fall haben wir aus der Community bekommen. Uwe Bräuning, Crime-History-Hörer, Polizist und selbst Hobby-Historiker aus dem Oderbruch, hat uns auf diesen Fall aufmerksam gemacht. Und wir werden Uwe in dieser Folge auch hören.
02:08
Grüße gehen raus, Uwe. Und dieses Mal ist auch der Schauplatz nicht Berlin oder besser gesagt die Schauplätze. Wir sind nämlich in Schlesien, in Posen und in Preußen unterwegs und dort häufen sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Fälle. Ihr ahnt es schon, die brennende Mühle, das war kein Unfall, das ist ja hier auch Crime History, ne?
02:29
Ja. Schon wenige Tage nach dem Feuer berichtet die Hallesche Zeitung in ihrer Rubrik Vermischtes Brand und Mord. In dem unweit Löwenberg gelegenen Dorfe Plagwitz ist die dem Müller knappe gehörige historische Windmühle mit den dazugehörigen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden abgebrannt. Knappe ist mit verbrannt, nachdem er, wie allgemein vermutet wird, vorher ermordet worden war. Knappe galt als reicher Mann, der sein Geld stets bar bei sich führte.
03:00
Wer uns im Video guckt, der sieht jetzt ein Foto der Mühle und von Müller-Knappe. Aber wie kommt man überhaupt darauf, dass es ein Raubmord und Brandstiftung war und kein Unfall?
03:10
Ja, es gibt mehr als einen Brandherd und dass ein Feuer an mehreren Stellen, also im Haus, in der Mühle gleichzeitig ausbricht, das kann eigentlich kein Unfall sein. Und nur zwei Tage vor dem Brand gab es schon mal einen versuchten Einbruch bei Knappe, den hat er allerdings bemerkt und hat die Einbrecher durch lautes Rufen vertrieben.
03:32
Am nächsten Tag findet er dann Fußspuren von drei Männern, die offenbar in der Nacht um sein Haus geschlichen waren. Zwei Nächte später ist er tot.
03:40
Und ganze drei Monate nach der Tat übernimmt ein Berliner Kriminalpolizist den Fall. Sein Name, Arthur Wehn. Das ist krass spät, oder? Da ist ja jede Spur weg. Der Täter ist längst abgetaucht.
03:52
Regina.
03:54
Kriminalhistorikerin und wäre mit Sicherheit auch eine hervorragende Ermittlerin gewesen. Warum hat das so lange gedauert, bis Berlin nach Schlesien kam und da eingegriffen hat?
04:06
Ja, liebe Jana, ich grüße dich erst mal.
04:09
Ja, das ist eine gute Frage, die du da stellst. Das war aber für die Zeit durchaus normal, denn es war auf dem Land tatsächlich so, oder auch in Kleinstädten, dass die Akten erstmal in den Schubkästen der Ermittler blieben oder sie so vor sich hin ermittelten. Denn ja, die Kriminalpolizei und die Ermittlungstechnik war tatsächlich noch in den Kinderschuhen. Und ja, es dauerte halt, bis man sich dann Hilfe holt.
04:37
Und in diesem Falle holte man sich relativ spät Hilfe aus Berlin vom Polizeipräsidium.
04:42
Wieso denn überhaupt Berlin? Also wieso war Berlin zuständig?
04:47
Ja, Berlin, also das Polizeipräsidium war offiziell für den Freistaat Preußen insgesamt zuständig, also auch für Schlesien.
04:57
Wir können ja mal eine Karte einblenden vom Deutschen Kaiserreich. Also Preußen ist ja ein riesiges Gebiet. Das war fast so groß wie das heutige Gesamtdeutschland. Wie hat denn das funktioniert, wenn Berlin für dieses gesamte Gebiet, für solche Ermittlungen zuständig war? Ich kann mir das gar nicht vorstellen.
05:14
Naja, die Polizei griff ja nicht per se ein, sondern nur auf Anfrage. Also wenn sie irgendwo gebraucht wurde und von irgendwoher eine Anfrage kam, also sie hätte gerne die Polizei aus Berlin, was wohl nicht so sehr oft vorkam, dann half sie halt mit Ermittlern aus.
05:33
Und hat man sich darum gerissen, jetzt so einen Fall in der Provinz anzunehmen?
05:37
Nö, überhaupt nicht, denn das war eine ausgesprochen undankbare Angelegenheit, denn ja, das kann man sich gut denken. Erstens kannten sich die Kommissare da nicht aus, das ist sehr schwer in einer Gegend zu ermitteln, die man praktisch nicht kennt und die ortsansässigen Polizisten, die waren auch von den Berlinern von den Berliner Klugscheißern, nicht unbedingt angetan. Und manchmal wurden die sogar gemobbt. Also es war eine sehr undankbare Aufgabe.
06:09
War denn Kommissar Wehn, der offensichtlich das kürzeste Streichholz gezogen hat in diesem Fall, war der ein Klugscheißer? Was weißt du über ihn?
06:16
Nee, ein Klugscheißer war er, glaube ich, nicht. Ich glaube, er war ein sehr fähiger Kommissar, vor allen Dingen jemand, der mich irgendwie so ein bisschen an Gennert erinnert. Also jemand, der immer alles, was neu war, ausprobieren musste, der die letzten Errungenschaften der Polizeiarbeit sich zu eigen machen wollte. Und ein Zeitzeuge, der hat über ihn mal gesagt... Dieser Wehen war lebhaft, geistreich und voller Mimik, fantasiebegabt und schnell zu begeistern. Genauso wie ich es sonst Florian Prokop beschreibe.
06:46
Ich hätte das auch gesagt über mich.
06:48
Kommissar Wehn beginnt also mit seinen Ermittlungen, hat aber leider so gut wie keine Anhaltspunkte. Müller Knappe hat allein gelebt, er hat also keine Familie, er hat auch keine Nachbarn, die in Sicht oder Hörweite leben. Es gibt keine Zeugen, die so wirklich was über die Tatnacht aussagen können, aber es meldet sich ein Wanderbursche. Das ist aus den Akten und Zeitungen der Begriff, ich hätte das nicht so genannt.
07:12
Also ein junger Mann, der kurz vor der Tat zufällig einen Schlosser aus Oppeln kennengelernt hat und die beiden tauschen sich darüber aus, wie schwierig das Leben ist so ohne Geld. Und da erzählt ihm der Schlosser, dass er hofft demnächst ein paar Mark von einem Bekannten zu bekommen, die planen nämlich einen Mühlenbesitzer auszurauben.
07:31
wenn das keine heiße Spur ist. Kommissar Wehn spürt diesen Schlosser auf. Er liegt gerade im Krankenhaus in Bunzlau. Und der Schlosser will sich zunächst an gar nichts erinnern. Nicht an das Gespräch mit dem Wanderburschen und auch nicht an den Raub am Mühlenbesitzer. Bis Kommissar Wehn ihm mitteilt, dass er dann wohl als Mittäter im Fall des toten Müllers in Frage kommen müsse.
07:54
Und da packt er aus. In einem Straßengraben hat er drei Männer kennengelernt. Einer ist schon älter und von Beruf selbst Müller, wie das Opfer. Und zwei jüngere Burschen waren auch in dem Straßengraben. Die sind Brüder. Und der Müller erzählt dem Schlosser, dass sie gerade erfolglos versucht haben, in einer Mühle einzubrechen. Sie wollen es aber bald nochmal probieren.
08:17
Dieser Schlosser weiß nicht viel über die Männer, die er da im Straßengraben kennengelernt hat. Der Müller heißt angeblich Franz, der jüngere der beiden Brüder Willi und der ältere Bruder, erinnert er sich, hat damit angegeben, seinen Vater verprügelt zu haben, bevor sie aus Breslau abgehauen sind, was man eben so in einem Straßengraben bespricht.
08:36
Wen hat jetzt also einen Hinweis auf den Heimatort der Brüder? Breslau. Und er hat eine Personenbeschreibung, die gibt nämlich der Schlosser auch ab. Und tatsächlich gelingt es dem Kommissar, ein Brüderpaar aus der Nähe von Breslau zu ermitteln, die auf diese Beschreibung passen.
08:52
Der ältere Bruder, Reinhold Pietsch, sitzt gerade in Breslau im Gefängnis. Willi Pietsch, den Jüngeren, findet Kommissar Wehen in dessen Heimatdorf nicht weit entfernt. Willi behauptet, nichts über den Mord an Müller Knappe zu wissen. Außerdem war er zur Tatzeit ohnehin in Berlin.
09:09
Ja, in den Akten kommt ein bisschen raus, der hatte ein bisschen große Fresse, würde man sagen. Wen glaubt ihm nicht und lässt ihn nach Breslau transportieren? Er verhört ihn da erneut, diesmal so ein bisschen offizieller im Polizeigebäude. Die Idee ist, dass diese formalere Atmosphäre Willi Respekt einflößen soll und ihn zum Reden bringen soll. Und das klappt auch. Willi gibt zu, mit seinem Bruder Reinhold und einem Müllergesellen zur Tatzeit in Plagwitz gewesen zu sein. Beim Raubmord war er aber nicht dabei. Das waren sein großer Bruder und der andere und so soll es abgelaufen sein.
09:44
Die beiden waren durch ein von ihnen eingedrücktes Fenster der im Erdgeschoss liegenden Wohnstube nach dem Hauseingang und von dort nach dem ersten Stock gelangt.
09:54
Die verschlossene Schlafzimmertür wurde aus den Angeln gewaltsam gehoben und mit dem Revolver in der Hand drangen sie auf den im Hemd stehenden alten Mann, der vor Entsetzen nur wenige Laute ausstoßen konnte, ein und bald lag er leblos auf dem Boden. Das Geld wurde in der Kammer zusammengerafft und auf dem Wege, auf dem sie gekommen waren, verließen die Verbrecher das Grundstück. Dann zünden sie die Mühle an, die 500 Mark, das Geld, die wurden aufgeteilt.
10:23
Als Wen Reinhold Pietsch mit der Aussage von seinem kleinen Bruder Willi Pietsch konfrontiert, gibt der tatsächlich zu, ja, ich war dabei, aber umgebracht habe ich den Müller nicht.
10:34
Das war angeblich der Dritte im Bunde. Pietsch verrät Kommissar Wen den Namen seines Komplizen vom angeblichen Strippenzieher.
10:41
Den Namen des Mannes, der das Ganze geplant, den alten Müller überwältigt und die Mühle angezündet haben soll.
10:48
Und, so viel sei schon mal verraten, der wieder morden wird.
10:53
Sein Name? August Sternicke.
10:56
Er soll Willi und Reinhold Pietsch angeworben haben, den Müller in Plagwitz auszurauben. In einer Herberge in Lignitz hatte er die Brüder angesprochen, er brauche Leute für ein Ding, es gebe auch ordentlich Geld dafür.
11:08
Nach Aussagen der Brüder hatte Sternickel die Tat von langer Hand geplant. Er hatte sich sogar bei Müller Knappe in der Mühle anstellen lassen als Geselle. Und zwar mit einem einzigen Ziel, den Tatort ausspähen und herausfinden, wo der alte Müller sein Geld aufbewahrt. Nachdem er das wusste, ist er dann zum großen Ärger des Müllers ohne ein Wort des Abschieds verschwunden. Kurze Zeit später dann der Überfall.
11:31
Am 30. Oktober 1905 geht der erste polizeiinterne Fahndungsaufruf raus.
11:37
Ich zitiere, wegen Mordes, Raubes und Brandstiftung festzunehmen ist der vielfach zuletzt mit vier Jahren Zuchthaus vorbestrafte Müllergeselle August Sternickel. Derselbe hat sich früher viel in der Provinz Brandenburg und in diesem Jahre in Schlesien umhergetrieben. Er hat sich wiederholt falscher Namen wie Franke, Stenzel und Henkel bedient.
11:58
Personenbeschreibung. Sternecke ist 1,75 groß, kräftig, dunkelblond, hat ovales, gesundes Gesicht, hohe Stirn, graue Augen, rotblonden langen Schnurrbart, defekte Zähne, Haare am Hinterkopf gelichtet. Das linke Handgelenk, das ist wichtig, das linke Handgelenk ist steif, der linke kleine Finger krumm, Kopfhaltung vorgeneigt, zur Zeit der Tat trug er einen schwarzen Jackettanzug, groß, schwach, weiß, kariert, er trägt einen Revolver bei sich.
12:27
Es gibt sogar ein Foto, allerdings mit dem Hinweis, dass dieses Foto schon über 13 Jahre alt ist, also gegebenenfalls nicht mehr ganz zutreffend. Sternickel ist auf dem Bild 26 Jahre alt, inzwischen ist er 39.
12:42
Wenn ihr uns mit Video guckt, dann seht ihr jetzt ein Foto von August Sternekel.
12:46
Der ernst reinguckt.
12:47
Ja, kein Wunder, das wurde im Zuchthaus aufgenommen, das Foto. Ein junger Mann, aber inzwischen ja nicht mehr so jung, wie wir wissen. Wen lässt den Aufruf und das Foto drucken? Hunderte von Steckbriefen gehen raus an alle Polizeistellen im Kaiserreich.
13:03
Jetzt scheint die Festnahme eigentlich wie eine reine Formsache, wenn man bedenkt, wie schnell wen die Brüder Pietsch, also Sternickels Komplizen aufgespürt hatte. Das sollte doch jetzt eigentlich ein Kinderspiel sein.
13:14
Aber August Sternickel ist wie vom Erdboden verschluckt. Musik
13:23
Wen recherchiert und findet raus, Sterneke ist kein Mann, der untätig rumsitzt. Er wechselt die Wohnorte und arbeitet ständig woanders. Mal als Müllergeselle, mal als Knecht und am liebsten auf abgelegenen Höfen, wo niemand genau hinschaut.
13:40
Mit der Wahrheit nimmt es Sternickel oft nicht so genau, behauptet zum Beispiel gern, dass er früher Ulan war. Was? Ulan. Jetzt sag nicht, du weißt nicht, was ein Ulan ist. Weiß ich nicht. Ich wusste auch nicht, was ein Ulan ist. Ich habe es nachgeguckt. Das ist ein mit Lanze bewaffneter Reiter, also ein Soldat. Das Militär, muss man wissen, ist im Kaiserreich der Stolz der Nationen.
14:01
Bedeutet Sterneke gibt sich damit als was Besseres aus. Er sagt dann auch so Sätze dazu wie, er hätte schon bessere Zeiten gesehen, aber jetzt ist er mal vorübergehend auf solche niedere Arbeit angewiesen.
14:12
Ja, auf den Höfen ist er dann fleißig und höflich und kriegt auch deswegen immer eine Anstellung.
14:17
Kommissar Wehn schickt eine Anweisung an alle Polizeidienststellen im Reich, prüft das neu eingestellte Personal in Mühlen und auf Bauernhöfen, diskret natürlich.
14:28
Und dazu gibt es eine Liste, also wirklich eine lange Liste mit möglichen Namen, die Sterneckel nutzt, um seine Identität zu verschleiern.
14:34
Anton Groß, August Philipp, Franke, Stenzel, Henkel, Vogt, Erich Milch oder Misch, Ludwig Zolski, Moritz Andersen, Otto Schöne. Die Liste geht noch weiter.
14:44
Regina, wie einfach war es denn 1905 mit einer neuen Identität unterzutauchen?
14:51
Ja, lieber Florian, das war relativ einfach.
14:55
Also Ausweispapiere, die waren noch nicht unbedingt nötig. Man musste die nicht haben, das war keine Pflicht. Und wenn man welche hatte, ja Gott, die konnte man ganz schnell fälschen. Die waren ja zum Teil mit der Hand geschrieben, mit Tinte. Ja, okay, kann eigentlich jeder und diese Papiere zu drucken, war auch nicht so unbedingt schwer. Also das ging schon mal, man konnte sich auch verkleiden. Es gab eine ganze Menge Möglichkeiten und ja, es gab zwar Mittel zur Identifizierung, aber auf dem Land wandte man die noch nicht so unbedingt an.
15:33
Jetzt ermittelt ja wen quasi zumindest in ganz Preußen und sucht nach diesem Mann, vielleicht sogar im ganzen Kaiserreich. Wie vernetzt war denn die Kriminalpolizei Anfang des 20. Jahrhunderts?
15:45
Die war theoretisch noch gar nicht vernetzt. Es gab zwar ein bisschen Kommunikation, aber das war relativ schwierig. Also man konnte ja nicht sagen, ob jetzt jedes Polizeirevier auf dem Amt unbedingt...
15:59
ein Telefon hatte oder auch telegrafisch sich mit dem Polizeipräsidium in Berlin in Verbindung setzen konnte. In den Städten war das sicherlich möglich, aber nicht so unbedingt auf dem flachen Land. Also das war schon relativ schwierig. Man musste tatsächlich hinfahren und sich die Akten angucken. Die waren teilweise sogar in den Schubkästen der Ermittler und die fand der Kollege vielleicht nicht. Es war relativ schwierig.
16:27
Also eigentlich kein Wunder, dass Kommissar Wehn erstmal nicht weiterkommt. Im März 1906 gibt er den nächsten Fahndungsaufruf raus. Vielleicht hat Sterneke sich nach Amerika abgesetzt, vermutet man jetzt.
16:39
Und dann gibt es den nächsten Fahndungsaufruf, Nummer drei, im November 1907. Das ist über zweieinhalb Jahre nach der Tat und es gibt immer noch keine Spur zum mutmaßlichen Täter, auch wenn man inzwischen so ziemlich alles über ihn weiß.
16:52
Die Fahndungsaufrufe werden immer detaillierter. Wen kennt inzwischen nicht nur alle Decknamen Sternickels. Er weiß zum Beispiel auch, so steht es im Fahndungsblatt, Sternickel, der ein großer Taubenfreund ist, kaufte und verkaufte Tauben und war Abonnent der in Leipzig erscheinenden Zeitung Die Geflügelbörse. Es empfiehlt sich daher die Feststellung, ob ein Müllergeselle bei irgendeiner Postanstalt auf erwähnte Zeitung abonniert hat. Bevor wir darauf eingehen, dass das natürlich eine sehr gute Idee vom Kommissar ist, wissen Crime-History-Fans natürlich, dass neben mir Berlins größter Vogel die Parva sitzt.
17:30
Schließt das eigentlich Tauben mit ein? Das interessiert mich jetzt doch.
17:33
Tauben sind ganz unverstanden. Also der Mensch hat Tauben domestiziert, hat denen beigebracht, unsere Nachrichten zu überbringen und dann plötzlich hasst er Tauben. Also wir sagen jetzt irgendwie, es sind die Ratten der Luft, es ist eigentlich voll gemein der Taube gegenüber.
17:47
kein Grund mir auf den Balkon zu kacken.
17:51
Aber die Idee von wem, die ist natürlich wirklich großartig.
17:53
Ja, und er ist ganz schön hartnäckig und ziemlich smart, aber die Geflügelbörse führt leider auch nicht zum Täter. Die Polizei steht also enorm unter Druck, weil man Sternickel immer noch nicht gefunden hat. Und jetzt wird deswegen eine Belohnung über 1000 Mark ausgesetzt. Das ist mehr als Menschen damals im ganzen Jahr verdienen. Das Problem dann aber mit so einer hohen Belohnung ist, plötzlich hat jeder Sternickel gesehen.
18:18
Es kommen etliche Hinweise und zwar nicht nur aus Deutschland. In Budapest wird zum Beispiel ein Mann namens Isidor Pollack festgenommen, den man für Sternicke hält. Pollack ist psychisch krank und hatte sich unter dem Einfluss der vielen Zeitungsberichte über den Fall eingebildet, der gesuchte Raubmörder zu sein.
18:36
Ja, und dann gibt es auch Hinweise darauf, dass Sterneke in Brüssel gesucht wurde und in Glasgow. In Großbritannien fordert man tatsächlich auch seinen Steckbrief auf Englisch an, um ihn an die Polizeiämter dort zu verteilen, also den Steckbrief.
18:48
Und sogar auch in der Neuen Welt, in Amerika. Im Februar 1907 glaubt ein Detektiv in Wisconsin, Sterneke in einem Gefängnis aufgespürt zu haben. Stellt sich als vollkommener Quatsch raus.
19:01
Sternicke ist irgendwie überall und nirgends und die Bevölkerung dreht wirklich komplett durch. Also wir haben noch ein paar Beispiele. In Schlesien zum Beispiel wird ein königlicher Topograf namens Kunert von einer aufgebrachten Menge umstellt, weil seiner Kleidung nach könnte er Sternicke sein, finden die Leute. Man hält ihn fest, zerrt an ihm rum, bis jemand seine Papiere prüft und er wieder freigelassen wird. Anderes Beispiel, Kriminelle nutzen die Angst vor Sternickel aus. Ein Ganove ruft 1907 bei einem Überfall Geld her, ich bin Sternickel und will damit einschüchtern.
19:32
Er wird schließlich festgenommen, angeklagt, verurteilt, kriegt sieben Jahre Zuchthaus, aber der echte Sternickel bleibt verschwunden.
19:39
1908 verbreitet sich in der Altmark und in der Prignitz das Gerücht, dass Sternickel in der Gegend sei. Das löst eine regelrechte Paranoia aus. Ein 13-jähriger Junge soll durch die Angst so sehr traumatisiert worden sein, dass er in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen werden muss.
19:57
In diesen drei Jahren nach der Tat ist jede neue Spur eine Schlagzeile und jedes Scheitern der Polizei ist eine noch größere Schlagzeile.
20:06
Das Berliner Tageblatt schreibt, wie im alten Rom der Ruf Hannibal Anteportas, Hannibal vor den Toren, Furcht verbreitete, so ist seit Jahren das Wort Sternicke kommt, ein Schreckmittel für große und kleine Kinder in den Dörfern der Altmark und der Prignitz. Seit dem 10. Juli 1905, an dem der Müller Sternicke die historische Mühle in Brand streckte und den Besitzer ermordete und beraubte, geht nun schon die Jagd nach diesem gefährlichen Menschen.
20:34
Hier und da taucht er auf wie ein Marodeur zur Zeit des 30-jährigen Krieges. Aber immer wenn die Hescher ihm auf der Spur sind, scheint die Erde ihn zu verschlucken.
20:44
In Preußen herrscht eine Art Massenhysterie, ein Sternikelfieber. Aus dem Mörder von Plagwitz ist ein Phantom geworden. Und aus dem Phantom wird eine Legende.
20:55
Ja, das ist ein Krimineller, der die Presse und die Öffentlichkeit so sehr in Beschlag nimmt, dass er quasi zu etwas Übernatürlichem wird, zu etwas Unsterblichem.
21:04
Und die Legende hält sich in Brandenburg noch über Jahrzehnte. Wir haben euch ja von Uwe Bräuning erzählt, unserem Hörer, der uns überhaupt erst auf den Fall hingewiesen hat. Und der hat von Sternickel schon als kleiner Junge in den späten 60er Jahren zum ersten Mal gehört.
21:19
Mein Großvater, der ja auch heimatgeschichtlich sehr interessiert war, der hat uns Kinder damals immer mit Sternickel geängstigt. Also er hat mal gesagt, wenn es draußen dunkel war, wir sollen reinkommen. Im Dunkeln lauert Sternickel.
21:31
Erst viele, viele Jahre später beschäftigt sich Uwe Bräuning dann intensiver mit dem Fall. Wir werden ihn noch ein paar Mal hören in dieser Folge.
21:37
Mich erinnert diese Geschichte ein ganz kleines bisschen an meine Kindheit. Da ist irgendwann Frank Schmökel ausgebrochen und es gab diese latente Panik.
21:46
Erinnerst du dich daran? Ja, total. Ich weiß noch, wie ich gedacht habe, oh Gott, wenn ich den jetzt auf der Straße sehe, wenn ich den erkenne, was mache ich denn dann? Das war so Mitte der 90er, als der zum ersten Mal ausgebrochen ist. Also war ich so 14, 15 und da hatte ich auch noch gar kein Handy. Und dann ist der 2000 ja nochmal ausgebrochen, das war ja so irrsinnig und hat da auf der Flucht einen Mann erschossen in Strausberg, das war ganz schlimm.
22:09
Und den Menschen damals muss es vermutlich ganz ähnlich gegangen sein, also sie wissen hier treibt sich irgendwo ein Mörder rum, vielleicht in der Mühle, auf dem Bauernhof und ganz bestimmt unter falschem Namen.
22:21
Januar 1908. Gendarmerie-Wachtmeister Hille betritt eine Mühle im Dorf Wernstedt in der Altmark. Am Malwerk ein Mann mit rotblondem Bart und in weiß bestäubter Arbeitskleidung.
22:35
Guten Tag, Herr Wachtmeister. Kann ich helfen?
22:40
Sie sind der neue Geselle dieser Mühle? Sie heißen mich?
22:45
Ja, der bin ich.
22:48
Schauen Sie mal hier. Kennen Sie diesen Mann?
22:53
Der sieht mir ja ganz ähnlich. Nein. Nein, den kenn ich nicht.
23:00
Ein Reisender hat mich auf Sie aufmerksam gemacht. Er meinte, Sie könnten dieser August Sterneckel sein.
23:07
Sterneckel? Nein. Ich heiße Misch, Herr Wachtmeister. Erich Misch. Ich bin seit drei Monaten hier.
23:19
Trotzdem bitte ich Sie, mich zu begleiten. Zur Klärung.
23:21
Natürlich. Selbstverständlich.
23:25
Darf ich mich kurz vom Mehlstaub reinigen? Ich möchte nicht so vor Ihren Kollegen erscheinen. Gut, aber vereilen Sie sich. Jawohl, Herr Wachtmeister.
23:44
Misch! Misch! Scheiße!
23:55
Oh Mann, sorry, aber wie doof kann man bitte schön sein. So geht man doch nicht auf einen Mann zu, der unter Mordverdacht steht. Aber genau so ist es laut Zeitungsberichten abgelaufen.
24:05
Er wollte sich nur schnell vom Mehlstaub befreien. Das ist die 1908er-Version von Ich geh nur kurz Zigaretten holen. Eieiei, das war wirklich ein bisschen dämlich. Der Polizist wird übrigens später auch aus dem Dienst entlassen. So richtig geeignet zu sein scheint er auf jeden Fall nicht für den Job.
24:23
Nee, und Sternickel ist wieder über alle Berge. Er ist weg.
24:26
Weg.
24:26
Und ich bin wieder allein, allein.
24:28
Du machst das mit mir, Florian. Hör auf. Ich hab gar nichts gemacht, aber Regina.
24:33
Apropos doof halt. Nicht unsere, sondern...
24:36
Die des Polizisten.
24:37
Die des Polizisten oder Gendarm, muss man ja sagen. Können wir gleich besprechen, ob das einen kleinen und feinen Unterschied macht.
24:43
Wie kann denn sowas bitte schön passieren?
24:46
Ja, also Gendarme oder Polizist. Ich weiß gar nicht, ob er hier Polizist oder Gendarm gewesen ist. Ah ja, er war Gendarm. Okay. Ja, das ist sogar ein großer Unterschied, denn die Gendarmen waren im Grunde Soldaten und sie hatten sowieso keine Polizeiausbildung. Sie waren halt Soldaten und sie waren im Gegensatz zur Polizei für die ländlichen Gebiete zuständig. Die Polizei war für die Städte zuständig, für die städtischen Gebiete, die Gendarmerie für die ländlichen Gebiete, wo ja ohnehin nicht so viel passierte.
25:21
Und ja, da wäre eine Polizei, die wirklich nichts anderes macht als Verbrechen verfolgen, wirklich überflüssig gewesen. Der größte Unterschied war auch, dass die Gendarmen praktisch Soldaten waren. Sie waren kaserniert und sie lebten in Brigaden. Ja, sie hatten im Grunde bei weitem nicht so viel Erfahrung wie die Polizei und sie waren auch gar nicht dafür ausgebildet. Wie man merkt. Ja, da muss man ihnen aber schon so ein bisschen in Schutz nehmen. Also als Gendarmen, ja, übrigens war das so ein typisches Klischee.
25:54
Die Gendarmen galten immer und überall so ein bisschen doof.
25:58
Ja, gut. Ja, das war so.
26:01
Hätte ich jetzt gar nicht gedacht. Ich hätte ihn auch gar nicht in Schutz genommen.
26:03
Kommt man fast drauf, nicht drauf, ja, okay. Aber zurück zu Sterneke, der mal wieder abgehauen ist. Wer ist das eigentlich, der Mann, der die Polizei so zum Narren hält?
26:14
Sag's mir.
26:16
August Sternecke, geboren 1866 in Rübnik, Oberschlesien. Heutiges Polen, ca. 1,5 Stunden westlich von Krakau. Sein Vater arbeitet in einer Bäckerei. Es sind bescheidene, aber durchaus geordnete Verhältnisse.
26:28
Als Kind gilt er als still, als verträumt, als ein Einzelgänger. Und er macht später eine Lehre zum Müller in Rübnik. Und dabei passiert ein Unfall, bei dem er sich schwer an der Hand verletzt. Auch das wissen wir aus dem ersten Fahndungsaufruf. Das linke Handgelenk bleibt steif und der kleine Finger ist verkrüppelt.
26:46
1889, da ist Sternicke 23 Jahre alt, begeht er seine erste, zumindest erste dokumentierte Straftat in Brandenburg. Er bricht in ein Haus ein und klaut. Dafür wird er wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs, der Genitiv ist dein Freund, es muss mit.
27:03
Wen oder was?
27:04
Das S könnt ihr selber setzen, zu vier Wochen Haft verurteilt.
27:08
Es folgen weitere Verurteilungen. Einmal sind es sechs Monate Haft, ein anderes Mal sind es drei Jahre Zuchthaus und die Taten ähneln sich immer. Also es ist Diebstahl, Betrug, Unterschlagung. Von 1901 bis kurz vor dem Mord an Müller-Knappe in Plagwitz sitzt Sterneckel dann vier Jahre im Zuchthaus Striegau.
27:26
Und in Striegau passiert etwas, das viele Jahre später Sternickels Schicksal besiegeln wird. Aber mehr will ich noch nicht verraten.
27:34
Unser Hörer Uwe Bräuning ist über die Jahre, die er sich mit dem Fall beschäftigt hat, auf jeden Fall ein echter Sternickel-Experte geworden. Er hat den Fall bis ins kleinste Detail recherchiert und er sagt folgendes.
27:47
Sternickel ist eine vielstichtige Person gewesen. Der war ja nicht nur ein Ganove, der hat ja anscheinend auch gute Seiten gehabt. Er soll ja auch ein fleißiger Mensch gewesen sein. Andere schildern ihn auch als Tierlieb. Er hat aber auch andere Facetten gehabt. Er konnte auch böse werden und er konnte auch skrupellos sein.
28:04
Und Uwe betont auch, dass Sternickel eigentlich ein ziemlich gewöhnlicher Krimineller seiner Zeit ist. Es war weniger seine Genialität, als die Unfähigkeit der Polizei, ihn hinter Gitter zu bringen und die eben daraus entstehende Pressehysterie, die Sternickel zu so etwas Großem, zu so einem Phantom machten.
28:22
Ja, das Phantom von Preußen. Und alle fragen sich, schlägt es bald wieder zu?
28:28
Musik
28:34
März 1909, Petersgrund in Niederschlesien. Ein Mann klopft an die Tür eines abgelegenen Gehöfts.
28:41
Er trägt eine grüne Jagdjoppe, einen Jägerhut, hat ein freundliches Gesicht. Er sagt, er heiße Winkler und handle mit Heu.
28:48
Er kaufe Heu für die Zuckerfabrik in Altjaua und zwar große Mengen zu einem guten Preis, ob man ihm nicht etwas verkaufen könne.
28:56
Die Leute in der Gegend kennen die Zuckerfabrik in Altjauer und Winklers Geschichte wirkt durchaus stimmig und der Mann seriös. Er darf gerne reinkommen, bekommt auch einen Kaffee. Dass er sich dabei genau umsieht, merkt niemand.
29:09
Kurze Zeit später wird in Petersgrund die Witwe Ernestine Krause überfallen. Der Täter erdrosselt sie, raubt sie aus und steckt dann das Haus in Brand.
29:20
Anderer Fall, ähnliches Schema, 31. Dezember 1910, Silvester in Pomsen, ebenfalls nicht weit von Breslau. Die Dorfbewohner sind beim Gottesdienst. Einer der Dorfbewohner, Karl Knötig, bleibt allein zu Haus. Später findet man ihn dann tot, in seinem Haus, erschlagen, sein Geld ist gestohlen, das Haus steht in Flammen.
29:42
Das kann kein Zufall sein. Kommissar Wehn ist überzeugt, Winkler ist Sternickel. Aber er kann es noch nicht beweisen.
29:51
Kurz nach dem Silvestermord verbreitet sich ein Gerücht. Sternickel soll nach Russland geflohen sein. Wir wissen, das ist völliger Quatsch. Sternickel ist 1910 im Oderbruch.
30:04
Er arbeitet da als Knecht und versucht nicht aufzufallen, offenbar mit Erfolg. 1911 lernt er auf einem Tanzvergnügen, super Wort, Minna Hampe.
30:15
super Name, lernt auf einem Tanzvergnügen Minna Hampe kennen. Sie ist die Tochter eines wohlhabenden Bauern aus Adlich Reetz. Sternickel macht ihr den Hof, stellt sich als August Philipp vor. Künftiger Erbe eines Ritterguts ist er.
30:28
Die beiden verloben sich.
30:30
Sternickel bittet den Schwiegervater um ein Darlehen. 3000 Mark für Hypothekenzinsen. Aber das zahlt er ihm natürlich alles zurück und zwar ganz bald. Er scheint ein richtig guter Fang zu sein. Uwe Bräuning nochmal dazu.
30:45
Er hat sich ja auch als der ideale Schwiegersohn herausgestellt erst mal. Er war ja landwirtschaftlich versiert gewesen. Er konnte seinen Schwiegervater, seinen angehenden, vermeintlichen, den konnte er ja zur Hand gehen und helfen. Und er hat ihm auch viele Sachen versprochen, die er ja nicht eingehalten hat. Die erste Sache, die den Bauern da wohl bitter aufgestoßen ist, Sterneckel hatte seiner Verlobten ein teures Musikinstrument zum Geburtstag geschenkt. Aber die Freude wehrte nur drei Wochen. Dann kamen wieder Leute, haben das Musikinstrument abgeholt, weil der Sternekel die Raten nicht misshalten hat.
31:17
Bauer Hampe wird immer misstrauischer, was seinen Schwiegersohn in Spee angeht. Und er stellt Nachforschungen an. Er findet heraus, es gibt kein Rittergut und dementsprechend auch kein Erbe.
31:28
Er ist kein Ulan. Nein. Die Verlobung wird dann 1912 aufgelöst.
31:33
Sternickel haut wieder ab, lässt nur einen Koffer auf dem Dachboden der Hampes zurück. Bauer Hampe denkt oder hofft wahrscheinlich, darin seien wertvolle Sparkassenbriefe. Darüber muss Sternickel wohl geredet haben.
31:45
Als er den Koffer dann öffnet, findet er aber keine Sparkassenbriefe. Stattdessen findet er mehrere Pferdeleien, die zu Schlingen umgearbeitet sind. Hätte Hampe das nächste Mordopfer werden sollen, waren die Schlingen für ihn und seine Familie gedacht. Es ist gut möglich, dass die Hampes nur um Haaresbreite dem Tod entronnen sind.
32:05
Eine andere Familie hat weniger Glück. Familie Kalis. Die haben einen Gutshof in Ortwig, Kreis Lebus, unweit der Oder.
32:12
Grüße gehen raus an meine Familie in Gorgas und Golzo. Das ist da alles ganz um die Ecke.
32:17
Auch von mir unbekannterweise. Und von mir natürlich auch.
32:20
Und von Regina natürlich auch.
32:23
Friedrich Kalis ist der Herr im Hause. Er ist ein angesehener Mann. Steuererheber, er leitet die örtliche Sparkasse. Und er braucht dringend einen neuen Knecht. Da kommt ihm der Mann, der am 28. Oktober 1912 vor seiner Tür steht, gerade recht. Otto Schöne heißt er, Spitzname Heinrich. Hat allerdings keine Papiere, die wurden ihm gestohlen.
32:44
Du, das kann ja mal passieren. Kalis stellt ihn ein.
32:48
Und hat keine Ahnung, dass er sich den meistgesuchten Mann Preußens ins Haus holt.
32:54
Sternickel mimt vorerst den perfekten Angestellten. Er füttert die Pferde noch vor dem Morgengrauen, hilft der Markt beim Melken, erledigt klaglos alles, was so anfällt.
33:04
Er macht seinen Job sogar so gut, dass er eine Gehaltserhöhung bekommt. 50 Pfennig kriegt er pro Woche. Friedrich Kalis soll zu seinem Bruder, der übrigens offenbar wohl ein bisschen misstrauischer ist, was ihn angeht, dann gesagt haben, das kann ja kein schlechter Mensch sein, der liebt ja Tiere.
33:21
Was Kalis allerdings weniger gefällt, sein Knecht verschwindet immer mal wieder für einige Tage, ohne Ankündigung, ohne Erklärung.
33:30
So auch Ende Dezember 1912. Und da geht Kalis in die Kammer seines Knechtes im Pferdestall. Vielleicht ist es ein Bauchgefühl. Er durchsucht seine Sachen und findet einen geladenen Revolver. Und er findet mehrere vorgefertigte Würgeschlägen. Da steht er jetzt da und schaut auf das, was er gefunden hat, aber er ruft nicht die Polizei. Ja.
33:50
Und das habe ich am Anfang überhaupt nicht verstanden. Aber dahinter steckt wohl die Scham. Die Angst davor, was die Leute über ihn denken. Denn er ist ja nicht irgendein Mann in diesem Dorf. Er ist der Steuererheber. Er muss ein ganz korrekter Typ sein. Und jetzt beschäftigt ausgerechnet er diesen Typen ohne Papiere.
34:09
Also legt Kalis dann alles zurück, genauso wie er es gefunden hat und sagt kein Wort.
34:15
Es wird sein Todesurteil sein und zwar nicht nur sein eigenes.
34:19
Denn als Sternickel zurückkommt, merkt er sofort, dass jemand seine Sachen angefasst hat, weil ihm angeblich eine Schürze fehlt. Erst befragt er dann die Magd des Hauses, Anna Philipp, er hat sie in Verdacht, aber die sagt ihm, was soll ich mit deiner Schürze, außerdem der alte Kalis war in deiner Kammer, nicht ich.
34:39
Sternickel gerät darauf total in Panik. Wenn sein Chef die Waffe und die Schlingen gefunden hat, aber nichts sagt, vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei vor der Tür steht.
34:49
Am 7. Januar 1913 fährt Sternickel nach Müncheberg in eine Kneipe. Zur Heimat heißt die, da setzt er sich an einen Tisch und schaut sich die Männer im Raum ganz genau an. Und drei junge Kerle scheinen genau die Richtigen für ihn zu sein. Da ist zum einen Willi Kersten, 17, Georg Kersten, 20 und Franz Schliwenz, 18. Sie sind Kleinganoven, es sind keine Mörder, zumindest noch nicht.
35:15
Sterneke stellt sich ihnen vor, grüßt freundlich und er sagt, irre ich mich oder habe ich es hier mit duften Berlinern zu tun?
35:22
Er hat es mit duften Berlinern zu tun und erzählt ihnen eine Geschichte. Er sei Knecht bei einem reichen Bauern, soweit so war. Der Bauer schulde ihm den Lohn. Lüge. Und der Bauer habe geerbt. 50.000 Mark, vermutlich auch eine Lüge. Und die liegen im Haus.
35:40
Sternickel führt die drei zu Fuß nach Ortwig und achtet darauf, dass sie nicht als Gruppe gesehen werden.
35:46
Auf dem Weg erzählt Sternickel nebenbei ein bisschen von sich. Ich habe schon so manches Ding gedreht, sagt er, und bin immer glücklich fortgekommen. Wenn meine Komplizen gefasst wurden, dann hatten sie es, ihrer eigenen Dummheit zuzuschreiben.
35:59
Ja, würden bei mir die Alarmglocken klingeln, ne?
36:02
Die drei neuen Komplizen schlafen dann schließlich in Sternickels Kammer im Pferdestall. Er weckt sie dann um halb fünf und teilt Schlingen aus. Und um kurz nach fünf beginnt der Angriff. Der Gutsbesitzer Kalis ist früh auf. Wie immer, er trägt eine Laterne und will in den Rinderstall.
36:19
Sternickel tritt auf seinen Chef zu und beschimpft ihn. Du Hund, du hast mir meine Schürze gestohlen und du schuldest mir noch den Lohn.
36:27
Kalis versucht zu fliehen, er schreit, er schlägt um sich. Er ist eigentlich ein kräftiger Mann, also er leistet Widerstand, aber da sind vier gegen einen. Kalis kämpft und tritt und schlägt, aber ihn verlassen bald die Kräfte.
36:40
Als Sternickel die Schlinge um Kalis Hals legt, fleht der, so beschreiben es die Zeitungen später, Otto, bitte lass mich doch am Leben.
36:48
Sternickel sagt, du aß, dir werde ich was und zieht zu. Anschließend schleift Sternickel die Leiche in die Rübenkammer und sagt zu seinem Kumpan, der schnarcht gut.
37:00
Kurz vor sechs betritt Anna Philipp den Kuhstall, die 17 Jahre alte Magd. Sie kommt nichts ahnen zum Melken.
37:06
Sie hat ja eigentlich gar nichts gemacht und sie weiß vermutlich auch nichts von den Waffen in Sternickels Zimmer, aber er reißt sie von hinten vom Melkschemel. Sie hat keine Chance.
37:18
Sternickel soll darüber gesagt haben, auch bei dem Dienstmädchen dauerte es nicht lange, so fünf Minuten. Bei Kalis dauerte es länger, vielleicht zehn Minuten. Er spricht wohl vom Erwürgen.
37:29
Und anschließend dringen die vier ins Wohnhaus ein. Im Flur kommt ihnen Nathalie Kalis, die Frau von Friedrich Kalis, entgegen.
37:37
Sternickel schlägt ihr mit einem Hammer den Schädel ein und legt ihr eine Schlinge um den Hals.
37:42
Einer von Sternickels Komplizen geht ins Zimmer der Töchter. Margarete liegt da, sie ist 16, Marie ist 11. Er hält einen Revolver und Sternickel kommt dazu, hat Schlingen dabei, er will auch die Kinder töten.
37:56
Aber seine drei Handlanger halten ihn zurück, zum Glück. Georg Kersten schlägt vor, die Kinder, die Mädchen in den Kleiderschrank zu sperren.
38:05
Sternecke gibt tatsächlich nach. Die Kinder werden eingesperrt. In der Arbeitsjacke von Friedrich Kalis findet Sternecke den Schlüssel zum Geldschrank. 500 Mark sind drin.
38:15
Keine 50.500. Sternickel teilt das Geld auf. Die drei jungen Männer bekommen je 100 Mark und machen sich damit sofort auf den Weg nach Berlin. Dort kleiden sie sich neu ein, geben den Rest für Suff und Party und Prostituierte aus.
38:30
Vermutlich, um zu vergessen. Sternickel bleibt auf dem Hof ziemlich perfide, wenn man sich das vorstellt. Er füttert dann das Vieh, er kocht Kartoffeln für die Schweine, damit die Tiere nicht brüllen, damit die Nachbarn nicht merken, dass was nicht stimmt.
38:44
Er durchsucht den Hof stundenlang, reißt die Dielen aus dem Boden, durchsucht Truhen und Schränke. Er kann nicht glauben, dass 500 Mark wirklich alles gewesen sein sollen, das Friedrich Kalis auf der hohen Kante hat.
38:56
Und zwischendurch bringt er den eingesperrten Mädchen Semmeln und Kaffee und sagt ihnen, die Herrschaft ist zu einer Hochzeit gefahren, ihr werdet bald abgeholt. Gegen sechs Uhr abends beginnt Sterneke dann seine Spuren zu beseitigen.
39:09
Spuren zu beseitigen, sagt man so. Der muss die Leichen loswerden. Er holt die Kutsche aus dem Schuppen. Es sind drei Leichen, auf die Kutsche passen aber nur zwei. Er lässt Anna Philipp im Stall zurück, lädt Friedrich und Nathalie Kalis auf den Wagen. Er versteckt sie unter Decken und fährt dann mitten in der Nacht nach Kunersdorf, circa 20 Kilometer weit weg. Dort will er sie in einer Strohmiete, also in einem Strohlager, verbrennen. Aber das ist gar nicht so einfach wie gedacht. Er lädt die Leichen ab und Uwe Bräuning?
39:42
Und dann hat er aus der Strohmiete eindeutige Geräusche gehört. Also da war gerade ein Liebespaar am Werken gewesen. Er konnte also seinen Plan da nicht ausführen. Dann ist er in Richtung Altfriedland, dann in Richtung Straußgleich weiter und in Ringenwalde, hinter dem Gut, hat er eine riesengroße Strommiete gefunden. Und da hat er die Leichen dann reingeschoben und den Haufen da in Brand gesetzt.
40:06
Und für alle, die uns als Video sehen, das war genau die Gegend, in der Sternekel damals die Leichen verbrannt hat. Da haben wir Uwe Bräuning getroffen.
40:15
Sternicke macht sich dann so schnell wie möglich auf den Weg zurück nach Ortwig.
40:19
Ja, da liegt ja auch noch eine Leiche, um die sich Sternicke kümmern muss. Er treibt die Pferde an und die Tiere, sie schnaufen und sie dampfen vor Schweiß und plötzlich steht vor ihm ein Mann auf der Straße.
40:34
Hey, Heid, was darfst du dich hier herum um diese Stunde? Lass mich durch. Das geht dich nichts an. Nichts an? Ich bin Pferdeknecht auf diesem Gut, nicht du. Und ich frage dich, was war das für ein Lärm vorhin? Was hast du da hinten gemacht? Ich hab geschlafen.
40:52
In der Scheune, das ist alles. Geschlafen! Du siehst nicht aus wie ein Mann, der gerade geschlafen hat. Und deine Pferde, die Rappen stehen nicht gut, schwitzen, obwohl das kalt ist. Die Braune hat sich fast losgerissen. Was hast du mit den Tieren gemacht? Wo willst du hin? Heilige Mutter Gottes! For you! Es beginnt! Hüpfe!
41:15
Höher, Pferde! Los jetzt! Gehen wir zu, dass wir Land gewinnen!
41:26
Boah, was für ein Showdown. Also der Pferdeknecht hat Sternickels Gesicht gesehen und er wird es auch nicht mehr vergessen. Und das Feuer macht dieses Mal auch nicht, was es soll.
41:36
Die Körper verbrennen nicht vollständig. Als man die Leichen später findet, ist noch deutlich zu erkennen, dass es sich um eine Frau und einen Mann handelt. Und um den Hals der weiblichen Leiche liegt noch der Strick. Und?
41:49
Das größte, man kann sagen, ein richtiges Wunder war gewesen, dass in der Hosentasche der männlichen Leiche, also von Friedrich Galies, dass da eine Rechnung gefunden wurde, die auf Friedrich Galies ausgestellt war und auch, wo auch der Ortsname Ortwig hervorging. Also man wusste so gleich, wer der Tote war oder zumindest konnte man vermuten, dass er Tote war.
42:11
Und darum konnte man von Ringenwalde auch gleich in Ortwig anrufen und dort Bescheid sagen. Und die Leute sind dann zum Bauernhof Friedrich Kalis gegangen, um dort nachzuschauen.
42:23
Mir fällt gerade zum ersten Mal auf, dass wir die ganze Zeit von Familie Kalis sprechen, aber Uwe von Kalis. Das ist bei den alten Fällen manchmal wirklich ein bisschen tricky, weil wir da raten. Im Zweifel hat Uwe recht, würde ich sagen.
42:34
Und mir geht auch ein bisschen das Herz auf bei dem märkischen Ton.
42:38
Also, wer geht nachschauen? Friedrichs Bruder August Kalis, dessen 15-jähriger Sohn, der Ortsvorsteher und ein Polizist. Also ein wie eins, einer allein. Der Gendarme Kluge kommt mit dem Fahrrad.
42:53
Hab ich sofort Horst Krause vor Augen. Gott hab ihn selig. Aber ob das ausreicht, um das Phantom von Preußen endlich zu stoppen, ein Polizist auf dem Fahrrad?
43:07
Sternickel sieht die Männer kommen. Er stellt sich ans Tor, behauptet, die Herrschaft sei auf einer Hochzeit. Ganz schön dreist, oder?
43:15
Ja, das ist der nächste Versuch auch mit dieser Geschichte.
43:17
Und hinten liegt noch eine Leiche. Aber...
43:20
Die Männer wissen ja von den Leichenfunden und Kluge schaut sich um, die Fensterläden sind vernagelt, das Vieh brüllt. Die Taktik des Gendarm, erstmal nicht für Panik sorgen beim mutmaßlichen Mörder.
43:33
Deswegen schickt Kluge Sterneckel auch rein, er soll sich ums Vieh kümmern. Aber Sterneckel natürlich ergreift seine Chance, dreht von drinnen den Schlüssel um und läuft durch den hinteren Ausgang, greift sich selbst ein Fahrrad und fährt über die gefrorenen Acker davon.
43:49
Die Männer setzen ihm sofort nach, kommen immer näher. Da dreht sich Sternickel um, streckt den Arm aus, zielt auf seine Verfolger und ruft, Hund, wenn du rankommst, schieß ich dich runter.
44:00
Dabei hat er nicht mal eine Waffe. Er macht wirklich nur Fingerpistole, weil er seinen Revolver im Haus vergessen hat. Aber es funktioniert. August Kalis ruft seinen Sohn zurück. Er will kein Risiko eingehen.
44:12
Und Sterneke verschwindet mal wieder in der Dunkelheit. Die Männer kehren um, brechen die Fensterläden auf und finden Margarete und Marie, die beiden Töchter der Kalis, die schon seit 36 Stunden im Schrank eingesperrt sind.
44:28
36 Stunden.
44:30
Die haben die Schreie ihrer Eltern gehört.
44:32
Die haben wahrscheinlich auch gehört, wie ihr Knecht, den sie ja auch schon ein Waldchen kannten, da noch stundenlang das Haus durchsucht hat. Die wussten nicht, ob sie da überhaupt je rauskommen. Die Männer bringen die beiden Mädchen in Sicherheit. August Sternickel ist mal wieder entwischt.
44:49
Und er macht was? Er geht, Achtung, zum Friseur. Er trägt ja so einen markanten Kinnbart, den lässt er sich abrasieren. Er kauft sich außerdem neue Hosen, weil er bei der Flucht in so einen Wassergraben gefallen ist. Und dann setzt er mit so einer Seilzugfähre über die O darüber.
45:05
Der Mann ist auf der Flucht und denkt trotzdem noch taktisch. Aber dadurch gibt es natürlich auch Zeugen. Gendarme Kluge ist ihm weiter auf den Fersen, bekommt Hinweise vom Friseur, von einem Gastwirt und landet schließlich beim Fährmann. Vor einer Stunde etwa hatte er einen Mann auf die andere Seite gebracht, auf den die Beschreibung von Sternickel passt. Wir sind mittlerweile am nächsten Tag.
45:29
Kluge setzt ebenfalls über und trifft zwei Radfahrer. Und die sagen, die haben vor nicht allzu langer Zeit einen Mann gesehen, der wie ein Wilder davongeradelt ist und sich dabei immer wieder panisch umgeblickt hat. Das ist schon sehr verdächtig.
45:41
Und die Radler wissen auch, wo er sich versteckt. In einem Pferdestall in Güste-Biese, ein Stück weiter nördlich. Und tatsächlich, dort im Heu vergraben liegt August Sternickel, alias der Knecht Otto Schöne.
45:55
Kluge leuchtet ihm ins Gesicht und Sternekel macht, was er immer macht und was oft genug geklappt hat. Er setzt auf die Blödheit der Polizei. Er sagt, er sei der versoffene Paul aus Alt Rez und schläft hier nur seinen Rausch aus.
46:10
Fällt nur noch, dass der Kluge sagt, oh Entschuldigung, Verwechslung, nichts für ungut weiterschlafen.
46:15
Kunstpause?
46:17
Also doof ist er nicht. Zum Glück ist er nicht so doof. Er nimmt ihn fest und bringt ihn zurück zur Fähre.
46:23
Jetzt ist es wirklich fast vorbei. Wir waren mit Uwe Bräuning dort, wo Sternickel ein letztes Mal versucht zu fliehen, direkt an der Oder.
46:32
Er hat sich losgerissen von den Gendarm, ist hier in die Richtung gerannt. Aber der Gendarm hat nur gesagt, halt stehen oder schieße. Und dann ist er stehen geblieben in dem Augenblick. Er hat die Flucht abgebrochen, weil er physisch und psychisch wahrscheinlich auch selber am Ende war. Durch die lange Flucht, die tagelange Flucht. Er hat wenig geschlafen, er war viel unterwegs gewesen. Also er war am Ende gewesen mit seinen Kräften.
46:53
Ja, und jetzt geht es mit dem Gefangenen erstmal zurück nach Ortwig, zum Ort des Verbrechens. Im Iserlohner Kreisanzeiger steht am nächsten Tag. Gestern gegen 17 Uhr traf der Gendarm mit dem verhafteten Mörder hier in Ortwig ein. Im Dorf entstand sofort ein großer Menschenauflauf und die erregte Menge machte Mine, den Mörder zu lünchen, schwang zornig Stöcke und ballte die Fäuste. Nur mit Mühe gelang es dem Gendarmen, den Täter zu schützen. Er wurde von anderen Gendarmen übernommen und zum Hof des ermordeten Bauern geführt.
47:26
Und zwar zur Gegenüberstellung mit den beiden Mädchen, die er in den Schrank gesperrt hat. Auch eine fürchterliche Vorstellung. Und die beiden sind auch kaum zu beruhigen, als sie Sterneke alias Otto Schöne sehen. Es besteht für sie kein Zweifel. Das ist der Mann, der uns das angetan hat. Das ist unser Knecht.
47:44
Sternecke wäre aber nicht Sternecke, wenn er nicht weiter versuchen würde, sich rauszuwinden. Und er erzählt eine abenteuerliche Geschichte. Fünf Männer, sagt er, wären auf Fahrrädern zum Hof gekommen und hätten ihn gezwungen, die Mädchen wegzusperren. Und diese fünf Männer haben auch das Ehepaar Kalis und die Magd ermordet. Und, das ist auch aus dem Iserlohner Kreisanzeiger, In den späten Abendstunden sei ihm befohlen worden, einen Wagen anzuspannen, um, wie die Mörder gesagt haben sollen, das Fleisch fortzuschaffen. Zu dieser Zeit habe er von dem Verbrechen noch keine Kenntnis gehabt und auch nicht gewusst, dass man ihm die beiden Leichen seiner Herrschaft aufgeladen hat.
48:22
Absoluter Unsinn. Und auch total irre, zu dem Zeitpunkt weiß in Ortwig noch niemand, wen sie da geschnappt haben. Sonst wäre Wachtmeister Kluge, Gendarm Kluge, pardon, wohl auch kaum alleine mit dem Fahrrad angereist. Er geht davon aus, dass es hier um Otto Schöne geht, den Knecht. Und nicht August Sternickel, den Serienmörder, das Phantom von Preußen.
48:44
Ja, das erfährt er tatsächlich auch erst, als Kriminalkommissar Alexander Nasse aus Berlin im Oderbruch ankommt. Er kennt die Fahndungsakte des Phantoms in- und auswendig.
48:55
Berlin regelt mal wieder.
48:56
Berlin regelt. Und als er dem Verhafteten gegenübersteht, sieht er sofort das versteifte linke Handgelenk mit dem verkrüppelten Finger. Das ist also August Sternickel.
49:06
Kommissar Nasse spricht Sterneckel dann auch direkt mit seinem richtigen Namen an und der antwortet völlig ungerührt, ich heiße Otto Schöne. Der Herr Kommissar darf mich auch gern Heinrich nennen.
49:17
Der sitzt da frisch verhaftet und lügt weiter.
49:21
Ja, aber wie beweist Kommissar Nasse denn jetzt, dass das August Sternickel ist? Er lässt sich etwas schicken, das damals vermutlich nicht alle Polizisten und schon gar nicht die Gendarmen auf dem Schirm hatten. Sternickels Messkarte aus dem Sommer 1904.
49:38
Ihr erinnert euch vielleicht, wir sprachen wohin davon, dass im Zuchthaus Striegau 1904 was Schicksalhaftes passiert ist, Folgendes, damals als Sternickel dort einsitzt, werden Fingerabdrücke der Insassen genommen.
49:52
Heute ist das natürlich total normal, aber 1904 war es das eben noch nicht.
49:57
Die Dactyloskopie.
49:59
Eine ganz unangenehme Untersuchung beim Arzt.
50:01
Kein Scherz. Das Fingerabdruckverfahren, Dactyloskopie. Das war in Deutschland zu dem Zeitpunkt noch ganz neu und umstritten und kaum etabliert. Eigentlich, so macht man es bisher, vermisst man damals Verdächtige nach dem...
50:19
Die französische Kriminalhistorikerin ist ganz zufrieden mit meiner Aussprache.
50:24
Was genau ist das, Regina? Erstmal das Bertillon-System.
50:27
Ja, unter der Bertillonage, da versteht man die Vermessung der Menschen. Also Bertillon, das war ein Kriminalpolizist aus der Sureté in Paris, also der Pariser Kriminalpolizei. Und er stand auf dem Standpunkt, oder er hat erforscht, dass jeder Mensch irgendwie anders ist. Es gibt niemals zwei Menschen, die in allen ihren Formen, Knochen, Körperbau, allen Maßen exakt identisch sind.
50:58
Ja, Strafgefangene vermessen und das verglichen und er hat nie zwei identische gefunden. Also wenn man wusste, der hat exakt die Maße, dann muss der auch der Täter gewesen sein.
51:09
Also Fünterabdrücke sind dann erstmal eine nette Ergänzung sozusagen. Das kam dann erst ein bisschen später auf.
51:15
Ja, Berti Jung hat das ja schon so im Laufe des 19. Jahrhunderts, zweite Hälfte 19. Jahrhunderts entdeckt und das setzte sich dann auch durch. Aber erst 1892, da wurde in Argentinien das Fingerabdruckverfahren entdeckt und entwickelt.
51:35
Und Scotland Yard hat eine Fingerabdruckdatei schon 1901 angelegt. 1903 kamen dann die Wiener und ab 1904 hat man das auch in Berlin gemacht. Und bei Sternickel ist das ja sehr erfolgreich gewesen. Und der Fall Sternickel war wohl auch der Knackpunkt, dass man gesagt hat, wow, Fingerabdrücke, die sind zur Identifizierung von Verbrechern richtig gut.
52:05
Es ist damals ja die einzige Möglichkeit, Sternickel wirklich zweifelsfrei zu identifizieren. Von DNA-Analysen sind wir, wissen wir, alle Lichtjahre entfernt. Und man muss auch bedenken, das einzige Foto von Sternickel ist inzwischen 22 Jahre alt. Sternickel ist bei seiner Verhaftung fast 50. Erst da wird dann wieder ein neues Foto gemacht. Und wir können mal beide nebeneinander legen. Das alte von 1892 und dann das aktuelle Foto. Also beschwören, dass das ein und derselbe Mann ist, würde ich nicht.
52:36
Am Hut erkennst du es auch nicht, es ist ein anderer. Kommissar Nasse lässt natürlich Fingerabdrücke vom angeblichen Otto Schöne anfertigen und, Überraschung, Überraschung, Übereinstimmung bis ins kleinste Detail, wie es bei Fingerabdrücken nun mal ist. Man kann jemanden eindeutig identifizieren.
52:54
Ja, Sternickel wird nach Frankfurt-Oder gebracht. Auf dem Weg dorthin im Zug werden ihm die beiden Messkarten gezeigt, die Fingerabdrücke von 1904 und die 9. Und jetzt knickt er tatsächlich ein. Am nächsten Tag unterschreibt er dann sein Vernehmungsprotokoll mit seinem Namen August Sternickel.
53:12
Acht Jahre war der Mann auf der Flucht. Und dann am Ende bringt ihn ein Fingerabdruck zu Fall, den er quasi eigentlich 1904 so nebenbei abgegeben hat. Aber für wie viele Taten wird man ihn vor Gericht wirklich belangen können?
53:26
Frankfurt an der Oder, 13. März 1913. Vor dem Schwurgericht in der Logenstraße. Die Stadt steht still, alle kennen nur ein Ziel.
53:36
Schon in den frühen Morgenstunden drängen sich Menschenmassen vor dem Landgerichtsgebäude. Sterneke und seine drei Komplizen, die in Berlin verhaftet werden konnten, sind des dreifachen Mordes angeklagt.
53:47
Billy Kersten, Georg Kersten und Franz Schliwenz.
53:51
Diese drei jungen Berliner, die Sterneke rekrutiert hat, die hat man auch geschnappt. Und die drei haben eine klare Strategie. Wir wussten von nichts. Wir dachten, es geht um einen Raub. Ein schnelles Ding drehen, mehr nicht. Von Mord war nie die Rede.
54:04
Sie schildern, wie Sternickel vor ihnen geprahlt hat, als erfahrener Verbrecher, der weiß, was er tut. Georg Kersten und Schliwenz sagen aus, sie hätten höchstens die Beine der Opfer festgehalten. Die Schlingen, das Wirken, das sei allein Sternickel gewesen.
54:19
Und die drei brechen im Laufe des Prozesses immer wieder zusammen, besonders als ihre Väter im Gerichtssaal erscheinen. Und Sternickel zur gleichen Zeit, der sitzt da, gelassen, fast versteinert.
54:30
keine Emotionen, er regt sich kaum. Wenn ihm Aussagen der Kriminalpolizei vorgehalten werden, nennt er das Mumpitz oder schlicht Unwahrheit. Er gibt den Raub zu, schildert den Tathergang sogar ausführlich. Aber Mord? Nein. Er habe die Opfer nur betäuben wollen, die Schlingen nicht so fest zugezogen.
54:50
Nicht so fest zugezogen, Alter. Drei Menschen sind tot. Später, mitten im Prozess, ändert er seine Taktik sogar nochmal, behauptet plötzlich, er hätte die Schlingen gar nicht angelegt und er schiebt das auf einen der jungen Männer aus Berlin.
55:05
Er wird auch zu seinen unerklärten Abwesenheiten befragt. Als der Vorsitzende zum Beispiel wissen will, wo er Ende 1912 war, als er für mehrere Tage vom Hof verschwunden war, sagt er.
55:17
Das ist mein Geheimnis, das will ich nicht sagen.
55:20
Und mit Plagwitz, dem Mord von 1905, die brennende Mühle, ganz vom Anfang, hat er natürlich auch nichts zu tun. Das seien allein die Brüder Pietsch gewesen. Er selbst sei ja nur ein fleißiger Arbeiter.
55:31
Das Urteil fällt am 15. März 1913 nach drei Tagen Prozess. Sternickel wird des Mordes in drei Fällen schuldig gesprochen. Schwerer Raub, vorsätzliche Brandstiftung. Das Gericht verhängt dreimal die Todesstrafe und dazu fünf Jahre Zuchthaus und dauernder Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.
55:50
In der Zeitung steht, Sternickel nahm das Urteil mit einer staunenswerten Ruhe, die er im Übrigen während der ganzen Verhandlungen an den Tag gelegt hatte, entgegen. Die drei jugendlichen Angeklagten, also seine Komplizen, ganz besonders Schliwenz, der geradezu einen sympathischen Eindruck machte, waren vollständig gebrochen.
56:11
Willi Kersten bekommt 15 Jahre Gefängnis. Georg Kersten und Franz Schlievens bekommen beide zweimal die Todesstrafe, fünf Jahre Zuchthaus und dauernden Verlust der Ehrenrechte.
56:23
Im Juli 1913 wird Sternickel hingerichtet. Und damit, könnte man zumindest annehmen, endet auch die Hysterie. Das Phantom ist tot, der Fall ist geklärt. Aber es bleiben viele Fragen offen. Die Raubmorde von 1908 und 1910, ähnliches Muster, ähnliche Handschrift, werden ihm nie einwandfrei nachgewiesen. Und auch das Geheimnis, wo genau er Ende 1912 war, als er kurzzeitig vom Hof der Kalis verschwunden war, nimmt er mit ins Grab.
56:51
Und dann 1916, das ist drei Jahre nach seiner Hinrichtung, da kommt noch was ans Licht. Es stellt sich raus, dass Sternickel 1905 unter falschem Namen geheiratet und einen Sohn bekommen hat.
57:04
Das heißt, da wächst ab 1905 irgendwo ein Kind auf, dessen Vater August Sternickel ist und dieses Kind weiß es vermutlich nicht einmal.
57:12
Der Täter ist zwar hingerichtet, aber Sternickel selbst bleibt ein Rätsel. Wie viele er wirklich auf dem Gewissen hatte, wissen wir bis heute nicht.
57:20
Der Mythos lebt weiter, obwohl der Mann tot ist. Ein Phantom braucht kein Grab, es braucht nur genug ungeklärte Fragen.
57:26
Jana, das hast du wirklich schön dramatisch zugespitzt.
57:29
Danke. Und vielen Dank, Regina, für heute. Ich danke euch. Ja, Uwe, vielen Dank für den Fall und vielen Dank auch für dein Buch. Uwe Bräuning hat ein tolles Buch über den Fall Sternickel geschrieben. Mord im Oderbruch erscheint erst im Oktober. Danke, Uwe, dass wir es schon vorab lesen durften.
57:46
Und Uwe Bräuning bietet außerdem Krimitouren im Oderbruch an. Und das macht er übrigens nicht nur, weil er True Crime so liebt. Ein letztes Mal Uwe Bräuning.
57:54
Sternickel ist ja auch ein Teil der Unterbruchgeschichte. Ist ja nicht nur ein Kriminalfall, sondern Sternickel ist ja auch Heimatgeschichte, ein Teil der Heimatgeschichte bei uns. So nämlich.
58:04
Das merken wir ja bei Crime History auch alle zwei Wochen, oder?
58:07
Die Fälle sind super spannend, natürlich.
58:09
Aber das Drumrum, wie man in der Brandenburg sagt, das Drumrum ist auch mindestens genauso spannend.
58:14
Ihr Wesen.
58:16
So, die gute Nachricht ist, wir drehen durch, wir senden durch. Wir machen keine Sommerpause mit Crime History.
58:20
Wie die ganzen anderen Faulpelze. Im Visier auch den ganzen Sommer über. Immer schön True Crime für euch.
58:26
Bis übernächste Woche. Liked uns, teilt uns, kommentiert. Danke euch. Tschüss.
58:29
Tschüss. Crime History ist ein Podcast vom rbb. Produziert von Bose Park Productions. Moderation Jana Falkenstein und Florian Prokop.
58:44
Redaktion Dörte Kaspari und Jörg Simon. Story und Recherche. Jelena Berner, Laila Melis und Lena Neff. Kamera, Ton, Schnitt, Kaha Gazarian und Alexander von Wagen. Producer Bose Park, Zuholder und Chris Guse. Produktionsleitung RBB, Tatjana Wilf.